Viele Katzen empfinden fremde Menschen im eigenen Zuhause als bedrohlich.
In diesem Beitrag erfährst du, warum Katzen Angst vor Besuch haben… und wie du Schritt für Schritt daran arbeiten kannst.

Warum haben Katzen Angst vor Besuch?
Fremde Menschen im eigenen Zuhause sind für Katzen oft unvorhersehbar und potentiell gruselig. Neue Gerüche, Geräusche und ungewohnte Bewegungen können Stress verursachen. Denn Katzen sind evolutionär gesehen zwar Jäger, aber auch Gejagte, also Beute von größeren Tieren. Auf eine potentielle Bedrohung wie fremde Menschen mit Flucht oder anderen Stressanzeichen zu reagieren, kann also aus verhaltensbiologischer Sicht lebensrettend sein.
Dass erwünschter Besuch etwas Angenehmes und keine Gefahr ist, dürfen viele Katzen also erst mit unserer Hilfe lernen.
Woran erkannst Du Angst bei Deiner Katze?
Einige typische Stressanzeichen sind:
- große Pupillen
- Erstarren / steif werden
- aufgestelltes Fell
- klein machen
- Verstecken
- Flüchten
Diese Anzeichen müssen allerdings nicht alle und auch nicht gleichzeitig auftreten. Einige Katzen zeigen Stressanzeichen sehr deutlich, andere eher subtiler. Einige reagieren sogar mir Aggression auf fremde Menschen. Wenn Du siehst, dass Deine Katze so ausieht, als würde sie sich unwohl fühlen, ist der Eindruck sehr oft auch richtig und sie braucht Unterstüzung.

Kann man Furcht vor Fremden einfach ignorieren?
Wenn wir trotz der starken Angst unserer Katzen einfach weiter Besuch empfangen und abwarten, bis die Katze danach (vielleicht Stunden später) aus ihrem Versteck herauskommt, ist das ihr gegenüber nicht fair. Denn die Angst wird ohne Hilfe mit der Zeit nicht besser, sondern sogar immer schlimmer werden.
Dabei kann hochgradiger Stress oder gar Panik sogar zu gesundheitlichen Problemem führen. Ganz abgesehen davon, dass das eigene Zuhause ein sicherer Ort sein sollte, sowohl für Menschen als auch für Katzen.
Nun könnte man sich theoretisch damit abfinden und einfach nie wieder Besuch einladen, um die Katze nicht zu stressen. Aber selbst dann muss die Katze ja trotzdem hin und wieder Kontakt mit fremden Menschen haben. Sei es, wenn Reparaturen in der Wohung nötig sind oder für Tierarztbesuche. Denn auch in der Tierarztpraxis sind ja in der Regel für die Katze fremde Personen involviert, die der Katze zusätzliche Angst machen.
Zum Glück gibt es aber Möglichkeiten, Besuch und fremde Menschen mithilfe von etwas Training zu „entgruseln“
Vorab:
Wenn Deine Katze wirklich große Angst oder gar Panik vor fremden Menschen hat und im Zusammenhang mit z.B. einem Tierarztbesuch Kontakt zu fremden Menschen nötig ist, obwohl Ihr im Training noch ganz am Anfang steht, kann zusätzliche Unterstützung in Form angstlösender Medikamente nötig sein. Sprich dafür bitte Deine behandelnden TierärztInnen an oder hol Dir fachliche Unterstützung durch Verhaltenstierärztinnen dazu.

Was hilft bei Angst vor Besuch?
Meine eigene Katze Whiskey hatte sich übrigens tatsächlich auch lange wirklich sehr vor Besuch gefürchtet. Das ist einer der Gründe, warum sie bei mir gelandet ist. Denn wer sich auf seiner Pflegestelle über Stunden unsichtbar macht, wenn fremde Menschen kommen, findet schwer ein neues Zuhause. (Hier kannst Du die ganze Geschichte nachlesen)
Auch wir sind noch nicht ganz am Ende unserer „Besuchertraining“-Reise angekommen. Aber statt stundenlang unsichtbar zu werden, kann sie Besuch inzwischen bereits nach wenigen Minuten begrüßen und sich entspannt mit im gleichen Raum aufhalten.
Und so haben wir das geschafft:
1. Körperliche Unterstützung:
Um das Besuchertraining zu erleichtern, kann es hilfreich sein, die Katze vorab und währenddessen auf körperlicher Ebene mit psychisch unterstützenden Nahrungsmittelergänzungen (wie z.B. Zylkene* und Anxitane*) und Pheromonen (wie Feliway Optimum*) zu unterstützen. Diese können ihr zu einem gewissen Grad dabei helfen, etwas entspannter zu bleiben und leichter neue positive Erfahrungen zu machen.
Wenn Deine Katze Unverträglichkeiten oder Erkrankungen hat oder aktuell Medikamente nimmt, sprich aber bitte jede Gabe vorher mit Deinen behandelnden TierärztInnen ab.
2. Sichere Rückzugsbereiche (Safe Spaces)
Eine essentielle Grundlage für gute Erfahrungen mit Besuch ist: Die Katze fühlt sich sicher und kann selbst entscheiden, wie viel Kontakt sie möchte. Damit sie nicht gezwungen ist, ihre eigenen Grenzen zu überschreiten, muss sie einen „sicheren“ Bereich haben, der von Besuch nicht betreten wird.
Schenke ihr also einen Bereich (ein Zimmer oder einen Teilbereich des Raums), in dem sie alle ihre Grundbedürfnisse ungestört erfüllen kann.
Dort sollte sie also Zugang haben zu
- Wasser, Futter
- mind. einem Katzenklo
- mind. einer Kratzgelegenheit
- einem bequemen Versteck / Schlafplatz
Trenn diesen Bereich mit einer optisch gut sichtbaren Barriere ab. Das kann eine rote Linie am Boden sein, ein Kindergitter oder irgendetwas anderes.
Ziel dabei: Die Katze kann rein und raus wie sie möchte, aber Besuch bleibt hinter dieser „Absperrung“.
Dort gilt also die Regel: Kein Besuch im Katzen-Safe Space
Sollte ausgerechnet im Safe Space der Katze eine Reperatur nötig sein, leitest Du sie einfach vorher in einen anderen Bereich der Wohnnung um und schaffst ihr dort einen neuen Rückzugsbereich.
In unserer Maissonette-Wohnung ist diese Abrenzung einfach die Treppe. Besuch kommt nur in der unteren Bereich der Wohnung, oben sind die Katzen ungestört. Alleine das hat Whiskey enorm viel Sicherheit gegeben.

3. „Besucherregeln“:
Regel Nr. 1: Besuch ignoriert die Katze
Wenn wir Menschen versuchen, eine Katze anzulocken, auf sie zugehen oder sie auffällig beobachten, ist das erst einmal potentiell gefährlich oder zumindest „verdächtig“.
Wird die Katze stattdessen aber weitgehend ignoriert und bekommt die Möglichkeit, den Besuch in ihrem Tempo zu beobachten und einzuschätzen, baut sie viel schneller Vertrauen auf.
Die Regeln für Besucherumgang mit der Katze sind also quasi:
- Nicht anschauen
- Nicht anfassen
- Nicht ansprechen
Dabei darf natürlich insofern auf die Katze geachtet werden, dass der Besuch nicht frontal auf sie zugeht oder sie versehentlich wegscheucht. Darauf kannst Du selbst achten und den Besuch sozusagen „um die Katze herum lotsen“, sollte sie gerade an einer Engstelle sitzen.
Auch sämtliche Berührungen und Streichelangebote dürfen dann wirklich von der Katze ausgehen.
Wir Menschen möchten ja auch nicht einfach so angefasst werden. Genauso ist es auch Katzen gegenüber übergriffig, sie einfach so anzufassen. Wenn die Katze also von sich aus Kontakt aufnimmt oder sich anschmiegt, darf Streicheln gerne angeboten werden. Vorher nicht.

Regel Nr. 2: Die Katze wird nicht gelockt.
Oft wird versucht, Katzen mit Futter anzulocken. Das Problem dabei:
Wird die Katze mit Futter zum Besuch hingelockt, überschreitet sie dabei schnell ihre eigenen Grenzen. Dabei entsteht leicht ein Konflikt zwischen „ich hätte echt gern das Futter“ und „das ist eigentlich viel zu nah am gruseligen fremden Mensch“. Sie wird dabei also unweigerlich in eine „das war zu viel“-Situation kommen, die Stress verursacht.
Wenn der fremde Mensch sie versehentlich beim Futter anbieten bedrängt oder gar mit Futter verfolgt, kann sie dieses Futter sogar negativ verknüpfen. Und zusätzlich lernt sie: „Fremde Menschen sind wirklich gruselig und jagen mich mit Futter durch die Gegend“
Futter kann aber trotzdem gut zur positiven Verknüpfung genutzt werden.
Aber nur, wenn
- das Futter dabei zur Katze weg vom Besuch angeboten wird
- Die Katze dadurch in keinen Konflikt gerät
Du selbst kannst der Katze also während Besuch da ist, immer wieder schöne Dinge wie Futter dorthin bringen, wo sie sich wohl fühlt. Wenn sie sich schon mit Besuch im gleichen Raum aufhalten kann, kannst Du ihr auch Futter zu ihr werfen.
Wenn Dein Besuch gerne selbst Futter anbieten möchte, geht auch das. Dazu sollte das Futter aber wirklich hinter die Katze oder weit an ihr vorbei geworfen oder gerollt werden.

4. „Futter-Ping-Pong“:
Dabei wird jede Annährung an den Besuch mit Futter in die entgegengesetzte Richtung belohnt.
Wird damit jedes Interesse der Katze am Besuch (wie Angucken, Anschnuppern oder ein Schritt darauf zu) mit Futter weg vom Besuch belohnt, lohnt sich das aus Katzensicht sogar doppelt:
- Durch das Futter an sich.
- Durch den vergrößerten Abstand zu dem noch gruseligen Reiz.
Denn so kann die Katze wirklich gute Erfahrungen mit dem Besuch machen, gerät in keinen Konflikt und hat zusätzlich beim Fressen die Möglichkeit, kurz nachzudenken und die nächste Entscheidung freiwillig zu treffen.
5. Besuch ankündigen
Bevor Besuch kommt, kündige ihn an. Katzen können sehr viele Worte lernen und zuordnen. Wenn bestimmte Personen öfter vorbeikommen, kündige die also ruhig namentlich an.
Auch eine allgemeine Ankündigung „gleich kommt Besuch“ kann Deiner Katze viel Sicherheit und Vorhersehbarkeit geben.
Und wenn man weiß, was als nächstes passiert, kann man damit besser umgehen. Das gilt für Katzen wie für Menschen.

„Besuchertraining“ auch ohne Besuch:
Um Deiner Katze durch Training dabei zu helfen, ihre Angst vor Besuch zu verlieren, brauchst Du nicht unbedingt ständig neue Menschen bei Dir zu Hause. Sehr viel „Besuchertraining“ geht nämlich auch alleine. Und zwar durch:
1. Babysteps
Versuche einmal herauszufinden, was genau am Besuch Deiner Katze eigentlich Angst macht. Selten ist es nämlich einfach die Anwesenheit der fremden Person alleine, sondern meist kommen noch deutlich mehr kleine Faktoren zusammen.
Wenn wir den Besuch in einzelne Reize zerlegen, können wir unseren Katzen viel gezielter helfen.
Einzelne Stressauslöser können z.B. sein:
- die Türklingel vorab
- die fremde Stimme
- ungewohnte Kleidung
- eine andere Gehweise , usw.
Und all das kannst Du auch einzeln trainieren.
Liste dafür einmal all die einzelnen Faktoren auf, die für Deine individuelle Katze im Zusammenhang mit Besuch herausfordernd sind.
Und dann kannst Du jeden einzelnen davon positiv verknüpfen und „entgruseln“.
Fremde Stimmen kannst Du z.B. über Sprachaufnahmen simulieren. Ungewohnte Gehweisen lassen sich selbst nachstellen. Die Türklingel lässt sich auch ohne Besuch einzeln positiv verknüpfen. Usw, usw.
Mehr dazu, wie Du verschiedenste Gruselfaktoren für Deine Katze gedanklich „umprogrammieren“ kannst, kannst Du hier in diesem Beitrag nachlesen.
Whiskey fand zum Beispiel „Draußenkleidung“ wie Jacken und Schuhe sehr gruselig. Also haben wir solche Kleidung in Suchspiele in der Wohnung integriert und einzeln nach den Schritten in diesem Artikel hier trainiert.

2. Selbstbewusstsein aufbauen
Selbstbewusste Katzen können mit neuen Situationen besser umgehen.
Beim Aufbau von Selbstbewusstsein kannst Du Deiner Katze durch Clickertraining helfen. Dabei lassen sich auch „Ankertricks“ aufbauen, die ihr dann auch beim tatsächlichen Besuch Sicherheit geben können.
Solche Ankertricks sind einfache Tricks, die Deine Katze quasi vorher in entspannten Situationen so gut lernt, dass sie sie quasi „im Schlaf“ kann.
Wenn das klappt, kannst Du ihr dann auch beim echten Besuch (unter den vorher genannten Voraussetzungen) eine kleine Clickersession mit diesen Lieblingstricks anbieten.
Das gibt dem Besuch außerdem eine schöne Möglichkeit, mit der Katze auf gewise Art zu interagieren, während sie selbst etwas positives erlebt.
Wenn Du bisher noch nicht clickerst, kann ich Dir z.B. den Kurs hier als Grundlage empfehlen:

Fazit: Angst vor Besuch lässt sich lösen
Angst bzw. Furcht vor Besuch ist also absolut kein „Charakterproblem“, sondern ein aus Katzensicht normales Verhalten. Doch mit dem passenden Training und Management kann Deine Katze lernen, auch mit fremden Menschen entspannt umzugehen und gute Erfahrugnen zu machen.
Je nach Katze kann das individuell etwas mehr oder weniger Unterstützung erfordern. Aber der Katze diese Unterstützung zu geben, zahlt sich um ein vielfaches aus.
Wenn Du Dir über die über die Tipps hier im Beitrag hinaus Unterstützung wünschst, melde Dich gerne bei mir.

Häufige Fragen rund um Besuch:
Zum Abschluss noch einmal kurz und knapp zusammengefasst:
1. Kann ich meine Katze an Besuch gewöhnen?
-> Mit geeignetem Training ist sogar noch mehr möglich als reine Gewöhnung und Besuch kann sogar positiv verknüpft werden.
2. Soll ich meine Katze zu Besuch zwingen oder ihre Angst ignorieren?
->Nein, beides würde die Situation für sie nur schlimmer machen. Viel hilfreicher ist ein gut geplanter Trainingsaufbau vorab und das
Einhalten von Regeln, die ihr während des Besuchs Sicherheit geben.
3. Wie lange dauert das Training?
-> Das kann sehr individuell sein, je nach Vorerfahrung der Katze und Aufbau Deines Trainings. Es können bereits in einem einzigen Besuch deutliche Verbesserungen sichtbar sein, doch es kann bis zur wirklich während Besuch entspannten Katze auch einige Wochen bis Monate dauern. Wenn Du alleine nicht so wirklich voran kommst, hol Dir da am besten Hilfe in Form einer Trainingsunterstützung, um es Euch Beiden leichter zu machen.

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Alle Produktempfehlungen sind persönliche Empfehlungen aus meiner Erfahrung als Katzenhalterin ohne tiermedizinischen Anspruch.
